Wer schon länger fotografiert, weiß, dass mit der Zeit die eigenen Ansprüche steigen.
Dass der Sperling auf dem Gartenzaun keine Herausforderung mehr ist. Und so wird nach neuen Wegen gesucht, die manchmal auch schwieriger sind, als die herkömmlichen. Ist man zu zweit unterwegs gewesen, beginnen solche Geschichten gewöhnlich mit : „Weißt du noch…?“ Aber ich war allein unterwegs.
Je länger ich der Vogelwelt auf den Spuren bin, je länger ich ihr Verhalten beobachte und fotografiere, umso mehr festigen sich bei mir zwei Erkenntnisse. A, Tiere denken und b, wir sind in unserem Verhalten, vor allem in Stresssituationen, nicht weit voneinander entfernt. Bis auf einen wesentlichen Unterschied. Tiere töten andere Tiere, um zu überleben. Das hat die Natur so eingerichtet.
Der Morgen hat die Nacht sanft bei Seite geschoben. Ich schlief sehr unruhig und die Freude auf unser heutiges Treffen mit Freunden hat die Nacht für mich sehr früh beendet. Mit einem Lächeln im Gesicht beginne ich den Tag. Ich sollte ein Kreuz am Kalender machen. Gehobene Mundwinkel am Morgen sieht man äußerst selten an mir.
Ich staune, denn mein Mann hat den Frühstückstisch gedeckt und Kaffeeduft steigt mir in die Nase. Das gemeinsame Frühstück am Wochenende ist ein Muss für uns und wir genießen es in vollen Zügen. Anschließend ist der Tisch ruck zuck abgeräumt und gesäubert. Unsere Taschen haben wir gestern schon gepackt. Es kann los gehen. Ein letzter Blick in den Spiegel zeigt mir, dass sich das Morgengrauen was ich vor zwei Stunden gesehen habe, positiv verwandelt hat. Ich bin zufrieden und es stellt sich sofort gute Laune ein. Wann geht es denn endlich los, bedränge ich meinen Mann. Hast du auch all deine Sachen eingepackt? Diese wichtige Frage erhält keine Antwort.
Die Tür fällt ins Schloss, ein tolles Geräusch. Mein Mann geht wie immer mit einer kleinen Tasche vor mir her, sie hat die Größe eines Turnbeutels. Ich folge ihm mit einem stattlichen Koffer. Dann seine Frage: „Wie lange gedenkst du zu verreisen? Ich antworte knapp:“ Na, du weißt doch genau, dass wir morgen wieder nach Hause fahren.“
Er: „Naja, ich meine ja nur.“ Sein Blick fällt auf meinen Koffer und er wirft auch gleich ganz beiläufig eine Bemerkung: „Was hast du alles in deinem Überseekoffer? Du hast wohl für alle Jahreszeiten gepackt?“ Ein breites Grinsen überzieht sein Gesicht. Klasse, er hat die Gabe, mir mit wenigen Worten die gute Laune zu verderben. Wir steigen ins Auto und fahren endlich los. Ich hülle mich während der Fahrt in betretenes Schweigen. Schnell haben wir unseren Zielort erreicht. Auf Grund meiner Drängelei sind wir zwei Stunden zu früh. Mal sehen ob wir schon stören dürfen. Wir klingeln und die Tür öffnet sich. Freundlich werden wir empfangen, jedoch mit einer Frage: „Habt ihr euch in der Zeit geirrt?“
Es gibt Tage, da uns nur die Kirchturmglocke daran erinnert, dass die Zeit nicht stehengeblieben ist. Sie bleibt nie stehen, die Zeit. Alles ist wie immer.
Wenn der Tag seine Fensterläden schließt, wenn der Abend die Sicht verschluckt und wenn dem stürmischen Wind die Puste ausgeht und er nur noch kleinlaut säuselt, dann steht wieder eine Nacht vor der Tür, so, wie an jedem Abend eine Nacht vor der Tür steht. Wenn die Sterne ihre Positionslichter zünden und der Mond die Wolken teilt, um seinen Dienst für die Verliebten zu beginnen, dann beginnt auch meine Zeit – Schreibzeit.
Die Nacht hat ihr schwarzes Tuch sanft über das Land gelegt, auch über mein altes Fachwerkhaus. Durchs Butzenfenster schickt der Mond geviertelt seinen Gruß in meine Schreibkammer. Die alte eiserne Tischleuchte versucht vergeblich meinen Schatten korrekt auf die große Schranktür zu legen. Ich bin umzingelt von Regalen und Schränken, an die ich herankomme, ohne aufstehen zu müssen. Ökonomie durch Bequemlichkeit. Überall Stapel aus Büchern und Zeitschriften, garniert mit Notizfetzen. Meine Welt auf Papier. Der Schreibtisch Zigarettenglut befleckt. Brandmale als Erinnerung an den Sekundenschlaf. Und während ich in die Nacht schaue und Gedanken ordne, trägt mich ächzend mein greiser, morscher Korbsessel aus dem Sperrmüll, als wolle er mir sagen, es geht auch bequemer, alter Mann.